„Ich kann nicht mehr“ – mein Weg aus dem Burnout

Berufliche Krisen sind nach wie vor häufig ein Tabu-Thema in der Arbeitswelt. Nicht nur darum freue ich mich ganz besonders über die Offenheit, mit der wir im Interview mit Senior Manager Matthias Kuhlmann über seine persönlichen Erfahrungen zu diesem Thema sprechen können.

Matthias, erzähl uns doch bitte kurz etwas zu Deinem beruflichen Werdegang.

Nach meinem Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Uni Hohenheim startete ich im November 2007 als Assistant im Bereich Climate Change and Sustainability Service in der Audit. Heute, zehn Jahre später, bin ich nach wie vor bei EY als Senior Manager in der Abteilung Fraud Investigation and Dispute Services (FIDS) tätig. Ich berate Unternehmen beim Aufbau und der Verbesserung ihrer Compliance Management Systeme.

In der Vergangenheit hast Du eine berufliche Krise durchlebt. Wie hat sich diese Krise geäußert?

Mir hat die Arbeit bei EY immer sehr gut gefallen. Ich habe mich mit sehr viel Engagement und Leidenschaft eingebracht. Dann gab es jedoch einen Moment, an dem mir klar wurde, dass etwas anders ist: Mir machte die Arbeit, die mir vorher immer viel Spaß bereitet hat, absolut keine Freude mehr. Das lag nicht an meinen Kollegen oder gar daran, dass ich in meiner Aufgabe nicht erfolgreich war. Ich hatte keinerlei Kraft mehr. Wenn zum Beispiel das Telefon klingelte, nahm ich nicht ab – ich konnte es einfach nicht mehr.

Auch in meinem privaten Leben stellte ich eine Veränderung fest. So vernachlässigte ich soziale Kontakte, Freunde und Hobbies zunehmend. Da wurde mir klar: Ich muss etwas ändern und brauche eine Auszeit.

Wie hast Du Deine berufliche Krise überwinden können?

Durch viele Gespräche, einen längeren Aufenthalt in der Reha, viel Arbeit an mir selbst und die Unterstützung meiner Familie und Freunde habe ich wieder neue Kraft gewinnen können.

Wichtig und entscheidend für mich war, dass ich sehr offen mit meiner Krise umgegangen bin und ich alles dafür geben wollte, um aus dieser wieder herauszukommen. Glücklicherweise haben meine Kollegen und mein Vorgesetzter sehr offen auf meine Situation reagiert und mich unterstützt. Dieser Support nahm mir sehr viel Druck und gab mir Zuversicht. Nur dieser offene und vertrauensvolle Umgang hilft, Krisen dauerhaft zu überwinden.

Du bist im Anschluss wieder zu EY gegangen. Wie sah Deine Wiedereingliederung aus?

Die Antwort ist ganz einfach: Meine Krise hatte nichts mit EY zu tun, und ein Burnout kommt nicht allein von der Arbeit. Die Gründe liegen woanders. Als ich dies realisiert habe und ich wieder Lust auf die Arbeit hatte, war für mich klar, dass ich zu EY zurückkehren werde.

Während der Wiedereingliederungsphase startete ich mit zwei Stunden Arbeitszeit pro Tag bis ich nach drei Monaten wieder bei acht Stunden angekommen war. Vor allem durch den offenen Umgang mit dem Thema Burnout habe ich sehr viel Unterstützung durch Kollegen und auch die Partner bei EY erfahren.

Was war die größte Herausforderung nach Deiner Rückkehr?

Die größte Herausforderung nach meiner Rückkehr bestand darin, nicht wieder in das alte, ungesunde Arbeitsmuster zurückzufallen. Teilweise fällt es mir heute noch schwer. Aber ich achte darauf, eine Balance zwischen Arbeit und Erholung zu halten. Das fordert vor allem viel Selbstreflexion und -disziplin.

Ein ganz besonderer Moment war für mich daher meine Beförderung zum Senior Manager. Für mich ist ganz klar: Ohne das, was ich alles in der Krise, besonders über mich selbst gelernt habe, wäre ich jetzt sicher nicht da, wo ich bin.

Was machst Du heute anders als früher? Und hast Du konkrete Tipps zur Stressbewältigung?

Heute organisiere ich meinen Tag anders als früher. Ich habe zu vielen Dingen eine ganz andere Einstellung, d.h. ich sehe vieles gelassener, ohne dabei meinen Ehrgeiz zu verlieren. Außerdem habe ich mir Techniken angeeignet, mit denen ich zur Ruhe kommen kann und die mir helfen, mich und mein Handeln zu reflektieren und einordnen zu können.

Mein Tipp: Unbedingt die Zeichen des Körpers ernstnehmen. Wenn jemandem über einen längeren Zeitraum die Kraft fehlt, ist eventuell eine Auszeit notwendig. Niemand würde auf die Idee kommen, ein gebrochenes Bein nicht behandeln zu lassen. Nichts anderes ist Burnout: Eine Krise, die ernst zu nehmen ist und aus der jeder durch die persönliche Weiterentwicklung gestärkt hervorgehen kann.

Um langfristig mit Stress besser umgehen zu können, ist tägliche Arbeit an einem selber notwendig. Diese individuelle Stresskompetenz kann erlernt werden, z.B. durch Bücher, Podcast oder im Coaching. Egal, wie ausweglos die eigene Situation erscheint – es gibt immer eine Lösung, auch wenn es manchmal etwas Zeit und Hilfe braucht, diese zu finden.

Vielen Dank für deine Aufrichtigkeit und das Interview, Matthias. Ihr habt Fragen an Matthias? Dann schreibt diese gerne als Kommentare unter diesen Blogpost.

Mehr zum Thema Flexibilität und Life Balance erfahrt Ihr auf unserer Karriereseite.

Eure Benita

 


2 thoughts on “„Ich kann nicht mehr“ – mein Weg aus dem Burnout

  1. Danke für das tolle Interview!

    Ein Arbeitgeber, der einen seiner Mitarbeiter nicht hängen lässt, wenn dieser in ein Burnout rutscht und darüber hinaus ein Interview mit ihm führt! Das ist großartig und eine absolute Ausnahme in der heutigen Wirtschaft, die hauptsächlich von Leistung, Umsatzdruck und funktionierenden ArbeitnehmerInnen geprägt ist. Das verdient absolute Anerkennung. Respekt!

    Ich wünsche Matthias, dass er seine Balance im Leben behält. Es ist nicht selbstverständlich, dass jemand derart offen über sein Burnout spricht, aber es ist ungemein wichtig, damit dieses Tabuthema an die Oberfläche kommt und Betroffene nicht wie Aussätzige oder Schwächlinge behandelt werden.

    Seinen Kolleginnen und Kollegen wünsche ich, dass sie von seinen Erfahrungen “lernen” und sich dadurch diesen Abgrund ersparen und dem Unternehmen, dass es von diesem offensichtlich menschenorientiertem Umgang mit seinen MitarbeiterInnen profitiert.

    Beste Grüße
    Roland

    von https://burnoutside.com/

  2. Hallo Roland,

    schön, dass du unserem Blog folgst und vielen Dank für deinen Kommentar. Diesen leite ich sehr gerne direkt an Matthias weiter.

    Viele Grüße
    Benita

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